Eine Hommage an Joseph Haydn: zehn Tage lang im August

Das in die Saison der Brühler Schlosskonzerte integrierte zehntägige Haydn-Festival wurde im Jahr 2008 gegründet. Es ist das einzige Festival in Deutschland, das sich dem Wiener Klassiker Joseph Haydn widmet. Die diesjährige Festivalausgabe präsentiert erstmals eine selbst in Auftrag gegebene Uraufführung sowie mit Kristian Bezuidenhout einen „Artist in Residence“.

Es ist ein einzigartiges Konzertambiente, das Schloss Augustusburg als zentraler Aufführungsort des Haydn-Festivals seinen Besuchern bietet: In dem weltberühmten, von Balthasar Neumann entworfenen Treppenhaus sitzen die Musiker „in der Mitte“ auf einem Umkehrpodest, und das Publikum lauscht vom dreiachsigen Erdgeschoss sowie der Galerie ihren Darbietungen. Es befindet sich dabei inmitten herrlichster Rokokopracht mit von Tragefiguren umfassten Gewölbepfeilern, Stuckelementen, kunstvoll verzierten Geländern und Wandgemälden bis hin zum zentralen Deckenfresko von Carlo Carlone, das in allegorischer Symbolik die kurfürstliche Botschaft vermittelt: An diesem Ort sollen durch Freigebigkeit und Hochherzigkeit die Künste blühen. Verstand und Mut lassen hier das Angenehme und Erhabene herrschen.

Diesem Auftrag des Bauherrn Kurfürst Clemens August fühlen sich die Brühler Schlosskonzerte seit über 50 Jahren verpflichtet. Und mit dem seit 1996 als Künstlerischer Leiter amtierenden Dirigenten Andreas Spering sind die beiden Tugenden „Verstand und Mut“ quasi musikalisches Programm geworden: Verstand durch sein umfassendes Wissen und Forschen zur historischen Aufführungspraxis, und Mut angesichts der Integration zahlreicher Wieder- und Neuentdeckungen in die Konzertprogramme – bis hin zur Installierung des ersten und einzigen Haydn-Festivals in Deutschland. Ab 2017 wird dessen Profil durch zentrale Neuerungen weiter geschärft, wie Alexander Wüerst, der Vorsitzende des Vereins Brühler Schlosskonzerte, erläutert: „Dank Horst Grosspeter, der die Brühler Schlosskonzerte seit vielen Jahren begleitet und fördert, können wir in der nächsten Dekade Orchesterwerke bei Gegenwartskomponisten in Auftrag geben, die von der Capella Augustina und Andreas Spering uraufgeführt werden. Den Anfang machen wir mit einem Kölner Komponisten: Wilfried Maria Danner. Sein Werk wird zur Eröffnung des Festivals erklingen.“ Zudem wird es erstmals einen „Artist in Residence“ geben: Der in Brühl bereits zum Publikumsliebling avancierte Hammerklavier-Virtuose Kristian Bezuidenhout darf an drei Abenden in Folge mit unterschiedlichen musikalischen Partnern und auch solo sein Können zeigen.

Das Haydn-Festival 2017
„Mich freut besonders, dass beim diesjährigen Haydn-Festival nahezu alle Gattungen, für die Joseph Haydn geschrieben hat, vertreten sind. Diese reichen vom Trio über das Streichquartett, das Lied und die Messe bis hin zur Oper. So können wir einen umfassenden Einblick in das besondere Schaffen des Komponisten geben und zeigen, dass er in allen Genres Großes geleistet hat“, so Spering. Zugleich wurde erstmals ein Kompositionsauftrag vergeben (neun weitere Aufträge folgen in den kommenden Jahren) mit der Auflage, dabei für alte Instrumente zu schreiben und Bezug auf den Namenspatron des Festivals zu nehmen: „Das neue Stück soll kein Fremdkörper sein, sondern in einer Beziehung zu Haydn und dem Programm stehen. Die Komponisten können dabei frei assoziativ arbeiten. Es ist ihnen überlassen, wie diese Beziehung ausgestaltet wird. Der diesjährige Komponist Wilfried Maria Danner, der bei Henze, Ligeti, Messiaen und Berio in die Lehre ging, wird sich beispielsweise auf die ‚Londoner Sinfonien‘ beziehen.“ Im Eröffnungskonzert des Haydn-Festivals am 18. August 2017 wird unter Andreas Spering diese Novität mit dem Titel „DJ Joseph…“ erstmals erklingen, flankiert von Haydns „Oxford“-Sinfonie G-Dur Hob. I:92 sowie dem Mozart-Klavierkonzert B-Dur KV 595. Solist ist Kristian Bezuidenhout, ein selbsterklärter „Mozart-Besessener“ und für Spering „momentan der Hammerklaviervirtuose schlechthin“. Als erster „Artist in Residence“ der Brühler Haydn-Festival-Historie wird er noch zwei weitere Auftritte absolvieren: ein Solo-Recital (19.8.) sowie ein lupenreines Wiener-Klassik-Programm (20.8.) gemeinsam mit Shunske Sato (Violine) und Jonathan Cohen (Violoncello), bei dem Klaviertrios von Mozart, Haydn und Beethoven zu hören sind.

Ein weiteres kammermusikalisches Highlight des diesjährigen Haydn-Festivals verspricht der Auftritt des Artemis Quartett (25.8.), dem viermaligen ECHO Klassik-Preisträger-Ensemble aus Berlin, das ein „Panorama der Quartettkunst“ von Haydn über Schumann bis Bartók aufspannen wird. Daneben ist es dem Veranstalter gelungen, das Signum Saxophone Quartet nach dem letztjährigen großen Publikumsandrang nochmals zu buchen (22.8.) – mit dessen eigenen Einrichtungen von Haydns Streichquartett Nr. 1 h-Moll Hob. 37 und den „Bildern einer Ausstellung“ Mussorgskys sowie „Feel Good“-Kompositionen des 20. Jahrhunderts von Astor Piazzolla, Dizzy Gillespie und Chick Corea.

Das sinfonische Panorama des Haydn-Festivals 2017 komplettieren u.a. die Hofkapelle München unter Rüdiger Lotter mit dem Mozart-Plus-Programm „Eine kleine Nachtmusik“ (21.8.) sowie das Leopoldinum Chamber Orchestra mit der Ausnahmegeigerin Lena Neudauer unter der Leitung von Hartmut Rhode (24.8.). Mit großer Spannung wird zudem das junge flämische Barockorchester B’Rock erwartet, das nach einem innovativen, unmittelbareren Ausdruck in der Alten Musik strebt – Musizieren mit einer inneren Haltung, die bisher der Rockmusik vorbehalten schien. Das ohne festen Dirigenten arbeitende Ensemble tritt in Brühl (23.8.) mit Rodolfo Richter am Pult an – einem wahren Tausendsassa und dirigentischen Weltenbummler der Originalklang-Orchesterszene.

Der vokale Haydn stellt sich in diesem Jahr am Schlusswochenende des Festivals vor: in dem Kirchenkonzert „Krieg und Frieden“ in St. Margareta (26./27.8. – zugleich der sechste und letzte Abo-Termin der Brühler Schlosskonzerte-Reihe), bei dem u.a. die „Paukenmesse“ Hob. XXII:9 durch Vox Bona und BonnBarock erklingen wird, ebenso wie bei einem Liederabend in der Schlosskirche mit Sophie Harmsen (Mezzosopran) und der Bachpreisträgerin Wiebke Weidanz (Hammerklavier). Neben englischen Canzonetten Haydns und späten Mozart-Liedern präsentieren die beiden dort mit Johann Friedrich Reichardts Kantate „Arianne a Naxos“ ein selten zu hörendes Juwel des Repertoires.

Dem musikdramatischen Haydn begegnen wir schließlich in der konzertanten Aufführung seiner letzten Oper „L’Anima del Filosofo ossia Orfeo ed Euridice“ Hob. XXVIII:13 (ebenfalls 26./27.8.). Mit dem Solistenquartett Johanna Winkel (Euridice), Robin Trischler (Orfeo), Thomas Bauer (Creonte) und Sunhae Im (Genio) bringt Andreas Spering diese jüngste Haydn-Entdeckung – das Werk wurde posthum erst 1951(!) in Florenz uraufgeführt – gemeinsam mit der Augustina vocale und der Capella Augustina im Prunktreppenhaus des Schlosses zur Aufführung: „Auch wenn man eigentlich bis heute nicht weiß, ob Haydn die Oper tatsächlich vollendet hat, so ist sie aber auf jeden Fall ein Höhepunkt seines gesamten Schaffens.“

Sonderkonzert, Feuerwerk & Co.
Auch 2017 wird die langjährige Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk fortgesetzt: Die Brühler Schlosskonzerte liefern am 9. Juni 2017 in der Schlosskirche den akustischen und optischen Rahmen für ein Konzert der Reihe „WDR 3 Alte Musik in NRW“. Zu Gast ist das von dem amerikanischen Lautenisten und Bassisten Joel Frederiksen gegründete und ebenfalls ECHO Klassik-dekorierte Ensemble Phoenix Munich, verstärkt durch Sabine Lutzenberger (Sopran) und Markéta Cukrová (Mezzospran), die gemeinsam vokal-instrumentale „Scherzi musicali“ der Renaissance von Claudio Monteverdi und Biago Marini zum Besten geben werden. Traditionell bilden musiksynchrone Feuerwerke im Schlosspark den feierlichen Abschluss des Haydn-Festivals und der Konzertsaison (26./27.8.): Im Anschluss an die Konzerte dieser beiden Tage (für Konzertbesucher ist das Feuerwerk im Kartenpreis inkludiert) startet um 22 Uhr ein rund halbstündiges Lichterspektakel mit synchronem Boden-, Terrassen- und Höhenfeuerwerk zur live vom Neuen Rheinischen Kammerorchester gespielten „Feuerwerksmusik“ Händels. Wer ein musikalisch-kulinarisches Vorprogramm bevorzugt, bucht ein Konzert-Menü im „Restaurant 1875“ im Brühler Kaiserbahnhof – dort spielt das Hackbrett-Harfe-Duo Nuovo Aspetto auf – und findet sich nach einem Bustransfer pünktlich zum Feuerwerk auf einem reservierten Ehrenplatz wieder. So verbindet sich für den Besucher der Brühler Schlosskonzerte auch 2017 auf schönste Weise erneut „das Angenehme und das Erhabene“… ganz im kurfürstlichen Sinne.